
Seit den 1990er-Jahren schafft die schwedische Künstlerin Sophie Tottie raumfüllende, abstrakte Zeichnungen, die das Motiv horizontaler Streifen variieren.
In der großformatigen Arbeit Written Language (line drawings) XI (2009) aus der Sammlung Schering Stiftung zog sie solche Streifen mit schwarzer Pigmenttinte und Zeichenfeder über einen Papierbogen im Hochformat. Am oberen Blattrand begann Tottie horizontal verlaufende, gerade Linien zu ziehen, die sie in regelmäßigen Abständen wiederholte. Aufgrund des manuellen Zeichenprozesses ergaben sich Abweichungen in der Linienführung, auf die die Künstlerin reagierte. Echoartig malte sie die vorangegangene Linie im nächsten Zeichenschritt nach und ließ zu, dass sich ein wellenförmiger Linienverlauf ergab, bei dem die streng waagerechte Ausrichtung immer mehr verloren ging.
Tottie versteht das Zeichnen als eine körperliche Handlung, bei der die Bewegung von Hand und Arm – beeinflusst durch Kraft, Haltung und Position – Spuren auf dem Papier hinterlässt. Die Linien sind Ausdruck einer Handlung und dadurch unregelmäßig, tastend sowie durchsetzt mit Fehlern, Tropfen oder Flecken.
Wie ein Seismograf kleinste Erschütterungen der Erde misst, zeichnen Totties Linien die feinen, oft unbewussten Bewegungen und Abweichungen ihres Körpers nach. So vollzieht sich ein Zeichenprozess, in dem sich eine angestrebte Ordnung auflöst und stattdessen der Körper zutage tritt.
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